Vertikale Kurzvideos sind längst kein Nebenformat mehr, sondern ein eigenes Regieformat mit eigener Grammatik. Wer für Social-Plattformen produziert, arbeitet mit einem Erzählfenster von 15 bis 60 Sekunden, in dem jede Einstellung eine Aufgabe hat. Gleichzeitig liefern generative Video-Modelle inzwischen Bilder, die früher aufwendige Produktionen erforderten. Daraus entsteht eine paradoxe Lage: Die Werkzeuge sind mächtiger geworden, die Ergebnisse wirken aber oft beliebig. Der Grund liegt selten in der Technik, sondern in der fehlenden Regie.
Dieser Leitfaden zeigt, wie du KI als Co-Regisseur einsetzt – für Dramaturgie, Shot-Design, Konsistenz und Schnitt. Du erfährst, wie du ein Story-Skelett baust, Shots planst, Modelle nach klaren Kriterien auswählst und typische Fehler vermeidest, bevor sie Zeit kosten. Der Fokus liegt auf vertikalen Kurzformaten, die Prinzipien gelten aber genauso für erklärende Videos, Produktclips und Social Ads.
Warum Kurzvideo-Regie nicht mit einem guten Prompt beginnt
Ein einzelner Prompt liefert ein Motiv, aber keine Geschichte. Das ist der häufigste Grund, warum KI-Videos technisch beeindruckend und erzählerisch leer wirken: Es fehlt die Reihenfolge, die Perspektive, das Tempo. Regie bedeutet, Entscheidungen zu treffen – und zwar vor der Generierung. Drei Ebenen sind entscheidend:
- Dramaturgie: Was passiert in welcher Reihenfolge und warum?
- Bildsprache: Welche Kadergröße, welche Bewegung, welches Licht trägt die jeweilige Information?
- Rhythmus: Wie lange darf ein Bild stehen, bevor der Schnitt kommt?
Ein Reel, das diese drei Ebenen sauber trennt, wirkt professionell, selbst wenn die einzelnen Bilder simpel sind. Umgekehrt bleibt ein technisch perfektes Clip-Feuerwerk beliebig, wenn die Reihenfolge zufällig ist.
Ein Beispiel: Zwei Creator nutzen dasselbe Video-Modell für ein 20-Sekunden-Reel über Kaffee. Der erste generiert zehn schöne Aufnahmen von dampfenden Tassen und schneidet sie zu Musik. Der zweite beginnt mit einem tropfenden Filter in Großaufnahme, zeigt dann die Hand, die die Maschine startet, und endet mit dem ersten Schluck. Beide haben dieselbe Technik verwendet, aber nur das zweite Video erzählt etwas. Der Unterschied liegt nicht im Werkzeug, sondern in der Entscheidung, welcher Shot welche Aufgabe hat.
Daraus folgt ein Rollenwechsel: Die KI übernimmt Ausführung, Variation und Coverage. Du bleibst Entscheider und definierst Absicht, Aufbau und Grenzen. Diese Arbeitsteilung ist der Kern eines produktiven Co-Regie-Workflows – und sie lässt sich in feste Schritte übersetzen, die du für jedes Projekt wiederholen kannst.
Die KI als narrativer Architekt: Struktur vor Generierung
Bevor irgendein Modell läuft, steht die Struktur. Ein Co-Regisseur, der nur ausführt, kann keine Struktur erfinden – du musst sie liefern. Drei Bausteine reichen dafür aus.
Das Story-Skelett in drei Akten
Für kurze Formate hat sich ein verdichtetes Drei-Akt-Modell bewährt: Hook, Entwicklung, Payoff. Bei 20 Sekunden Laufzeit bedeutet das ungefähr: 0–3 Sekunden Hook, 3–15 Sekunden Aufbau, 15–20 Sekunden Auflösung. Für 45 Sekunden verschiebt sich das Verhältnis, die Logik bleibt gleich: Der Hook darf etwas länger atmen, die Entwicklung bekommt Raum für ein zweites Detail, der Payoff bleibt knapp.
Wichtig ist, dass der erste Akt eine sichtbare Frage aufwirft. „Was passiert hier?“ ist eine schwache Frage, weil sie nur Neugier auf Information erzeugt. „Bleibt das heil?“ oder „Schafft sie es rechtzeitig?“ erzeugt Spannung, weil eine Antwort in Aussicht steht.
Die Fünf-Beat-Variante mit Beispiel
Eine Variante mit fünf Beats funktioniert besser, wenn du eine Wendung brauchst: Aufhänger, Kontext, Reibung, Wendung, Ausklang. Diese fünf Beats lassen sich später fast eins zu eins in fünf Shots übersetzen. Damit ist die Shot-Anzahl nicht mehr Geschmackssache, sondern folgt aus der Dramaturgie.
Beispiel für die Restaurierung eines Holzstuhls:
- Aufhänger: Nahaufnahme eines Risses im Lack, statisch, seitliches Licht.
- Kontext: Hände legen Werkzeug bereit, halbtotale Einstellung.
- Reibung: Eine Schraube sitzt fest, die Hand rutscht ab, kurzer Push-in.
- Wendung: Der Lack löst sich, die Holzmaserung kommt zum Vorschein, Orbit um die Sitzfläche.
- Ausklang: Der fertige Stuhl im Raum, Totalaufnahme, warmes Abendlicht.
Jeder Beat hat eine Aufgabe, jeder Shot eine Funktion. Wenn ein Shot in dieser Liste fehlt, merkt das Publikum es nicht bewusst – aber die Geschichte wirkt unvollständig.
Logline und emotionale Leitfrage als Filter
Schreibe vor der ersten Generierung zwei Sätze: eine Logline und eine emotionale Leitfrage. Die Logline beschreibt in einem Satz, was das Video zeigt und was sich verändert. Die Leitfrage beschreibt das Gefühl, das am Ende bleiben soll – Neugier, Erleichterung, Staunen, Ehrgeiz.
Beispiele:
- Logline: „Ein ausgeblichener Stuhl wird in fünf Schritten restauriert und findet zurück in den Alltag.“ Leitfrage: „Wertschätzung für Dinge, die bleiben.“
- Logline: „Eine Läuferin bereitet sich in drei Minuten auf ihren ersten Halbmarathon vor.“ Leitfrage: „Vorfreude und Nervosität vor dem Start.“
Diese beiden Sätze sind dein Filter. Jeder Shot, der weder zur Logline noch zur Leitfrage beiträgt, wird gestrichen. Das ist der wirksamste Schutz gegen überladene Videos – und der Grund, warum erfahrene Creator oft mit weniger Einstellungen bessere Ergebnisse erzielen.
Vom Beat-Sheet zum Shot-Plan: der Workflow in acht Schritten
Der Übergang von der Idee zur Generierung ist der Punkt, an dem die meisten Projekte kippen. Ein Shot-Plan verhindert, dass du während der Produktion improvisierst. Acht Schritte haben sich bewährt.
Schritt 1: Logline und Leitfrage. Ein bis zwei Sätze, nicht mehr. Wenn du sie nicht in zwei Sätzen formulieren kannst, ist die Idee noch nicht klar.
Schritt 2: Beat-Sheet. Fünf Zeilen, jede mit einem Stichwort und einer Funktion im Erzählfluss. Diese Liste ist das Skelett, an dem später jeder Shot hängt.
Schritt 3: Shot-Liste. Für jeden Beat ein bis zwei Shots. Notiere Zweck, Kadergröße, Kamerabewegung, Lichtrichtung und geplante Dauer. Eine Tabelle mit fünf Spalten reicht.
Schritt 4: Look-Bible. Sammle drei bis fünf Referenzbilder für Farbigkeit, Kontrast und Textur. Beschreibe sie in Worten, damit sie in Prompts übertragbar werden. „Warmes, indirektes Licht, entsättigte Grün- und Brauntöne, feine Filmkörnung“ ist brauchbarer als „schön“.
Schritt 5: Prompt-Bau. Jeder Prompt folgt derselben Reihenfolge: Motiv, Handlung, Kadergröße, Bewegung, Licht, Look, Ausschlüsse. Diese feste Ordnung macht Ergebnisse vergleichbar und Fehler auffindbar.
Schritt 6: Generierung und Auswahl. Plane drei bis vier Varianten pro Shot ein. Bewerte nicht nach Schönheit, sondern nach Funktion: Trägt der Take die Information des Beats? Ein mittelmäßig schöner Shot, der die Handlung vorantreibt, schlägt ein perfektes Bild, das nichts sagt.
Schritt 7: Schnitt und Ton. Erst nach der Shot-Auswahl kommen Musik, Sounddesign und Untertitel. Wer zu früh Musik anlegt, schneidet später gegen die Musik.
Schritt 8: Versionierung. Benenne Dateien nach Schema Projekt_Beat_Shot_Version. Ohne diese Disziplin wird die Auswahlrunde zum Chaos, besonders wenn mehrere Personen beteiligt sind. Ein einfaches Namensschema genügt: Projektkürzel, Beat-Nummer, Shot-Nummer, Durchlauf.
Wenn du diese acht Schritte einmal durchlaufen hast, wird der Shot-Plan zum Nebenprodukt. Nach zwei oder drei Projekten brauchst du für ein 30-Sekunden-Reel oft weniger als eine Stunde Vorbereitung – und sparst in der Generierung ein Vielfaches davon.
Bildkomposition und Kamera im 9:16-Format
Vertikal ist kein quadratisches Format mit abgeschnittenen Seiten. Die Komposition folgt eigenen Regeln, und wer sie kennt, bekommt aus denselben Modellen sichtbar bessere Bilder.
Framing und Sicherheitszonen
Plane oben und unten Zonen ein, die von Bedienelementen der Plattform überlagert werden. Das Hauptmotiv gehört in die mittlere Achse. Bei Personen gilt: großzügiger Headroom, aber nicht so viel, dass die Figur klein wirkt. Nutze die Vertikale für Tiefe – Vordergrund, Mittelgrund und Hintergrund übereinander gestaffelt lesen sich deutlich räumlicher als eine flache Wand.
Ein praktischer Test: Betrachte den ersten Frame als Standbild und frage, ob er ohne Bewegung funktioniert. Wenn die Komposition nur durch eine Kamerafahrt Sinn ergibt, ist sie zu schwach.
Licht als Erzählinstrument
Weiches Seitenlicht modelliert Gesichter, hartes Gegenlicht erzeugt Silhouetten und Spannung. Wähle pro Szene eine Lichtrichtung und bleibe dabei. Wechselndes Licht ist der schnellste Weg, ein Video unruhig wirken zu lassen – das Publikum kann den Wechsel nicht benennen, spürt aber die Inkohärenz.
Setze Licht auch dramaturgisch ein: kühles Licht für den Problemzustand, warmes Licht für die Auflösung. Dieser Kontrast ist in Kurzformaten besonders wirksam, weil er ohne Worte verständlich ist. In einem 20-Sekunden-Reel reicht ein einziger Lichtwechsel, um Anfang und Ende klar zu trennen.
Kamerabewegung mit Absicht
- Langsamer Push-in: steigert Emotion und Aufmerksamkeit.
- Orbit: zeigt ein Objekt rundum, ideal für Produkte und Handwerk.
- Handheld: erzeugt Nähe und dokumentarische Energie.
- Statische Einstellung: trägt Text, Zahlen und Vergleiche.
- Whip-Pan: dient als Übergang zwischen zwei Welten.
Faustregel: eine Bewegung pro Shot. Kombinierte Bewegungen – gleichzeitig Push-in und Orbit – wirken schnell künstlich. Bewegung braucht außerdem ein Ziel im Bild: Eine Kamerafahrt auf eine leere Fläche erzählt nichts, egal wie elegant sie aussieht.
Farbe als Wiedererkennung
Definiere zwei Leitfarben und setze sie in jedem Shot erneut ein, etwa in Garderobe, Hintergrund oder Licht. Diese Wiederholung erzeugt visuelle Marke ohne Logo. In kurzen Videos ist Farbe der stärkste Kohäsionsfaktor, weil sie schneller wahrgenommen wird als ein wiederkehrendes Gesicht.
Konsistenz über mehrere Shots: Figuren, Objekte, Look
Konsistenz ist das größte Qualitätsmerkmal in KI-Videos und entsteht aus Wiederholung – nicht aus Glück.
Referenzbilder statt Adjektive. Ein einziges gutes Referenzbild der Figur ist aussagekräftiger als zehn beschreibende Sätze. Wo das Modell Bildreferenzen unterstützt, nutze sie für jeden Shot derselben Figur.
Feste Beschreibungsreihenfolge. Wenn du textlich arbeitest, formuliere Merkmale immer in derselben Reihenfolge: Figur, Garderobe, Frisur, Umgebung, Licht, Objektiv. Umstellungen verändern die Gewichtung und damit das Ergebnis.
Eine Variable pro Iteration. Wenn ein Shot nicht passt, ändere genau eine Sache: Bewegung, Licht oder Kadergröße. Alles gleichzeitig zu verändern macht Fehlerursachen unauffindbar – und kostet die teuerste Ressource im Projekt, nämlich Klarheit.
Anker-Objekte. Eine wiederkehrende Requisite – Tasse, Kette, Werkzeug – verbindet Shots emotional und macht Schnitte lesbar. Zuschauer erinnern sich an Objekte oft stärker als an Gesichter.
Look-Konstanten. Objektivbrennweite, Farbtemperatur und Filmsimulation gehören in jeden Prompt, auch wenn sie redundant erscheinen. Modelle vergessen Stilvorgaben schneller als Figurenmerkmale.
Typische Fehlerbilder sind schwebende Hände, wechselnde Gesichtsproportionen und springende Kleidungsfarben. Tritt eines davon auf, liegt es meist an fehlender Referenz oder wechselnder Beschreibung, nicht am Werkzeug selbst. Bevor du also die Plattform wechselst, prüfe zuerst deine Vorlage.
Modelle auswählen: Entscheidungskriterien statt Bauchgefühl
Verschiedene Video-Modelle haben unterschiedliche Stärken. Statt jedes neue Werkzeug auszuprobieren, hilft eine kleine Testmatrix.
Fünf Prüfkriterien
- Bewegungstreue: Bleibt eine Person beim Gehen anatomisch stabil?
- Detailtiefe: Überleben Texturen, Stoffe und Gesichter einen Zoom?
- Konsistenz: Ähneln sich Figur und Umgebung über mehrere Shots?
- Stilbindung: Bleibt der Look über Einstellungen hinweg gleich?
- Cliplyänge: Reicht die Länge für die geplante Einstellung, ohne sichtbare Naht?
Generiere ein Testpaket aus drei Prompts und bewerte jedes Modell nach diesen Kriterien. Entscheide danach pro Shot, nicht global. Ein ruhiges Produktbild braucht andere Qualitäten als eine dynamische Tanzszene, und ein Modell, das Gesichter hervorragend trifft, kann bei Landschaften schwächer sein.
Hybrider Workflow: Keyframe zuerst, Bewegung danach
Ein besonders robustes Muster ist der Hybrid-Workflow: Erst ein Bildmodell für Keyframes, dann ein Video-Modell für die Bewegung zwischen diesen Keyframes. Das kostet einen zusätzlichen Schritt, liefert aber deutlich stabilere Kompositionen. Für Szenen mit wiederkehrender Figur ist das oft der Unterschied zwischen brauchbar und unbrauchbar.
Der Ablauf: Keyframe A und Keyframe B generieren, beide nach Konsistenz prüfen, dann die Bewegung dazwischen erzeugen. Wenn das Ergebnis nicht passt, tauschst du Keyframes aus, statt den ganzen Clip neu zu würfeln. Das spart Iterationen und macht Ergebnisse reproduzierbar – ein Vorteil, der bei Serienformaten mit wiederkehrenden Figuren besonders stark wiegt.
Zeitplanung und Ausschuss
Plane Zeit statt Tempo ein: Mehrere schnelle Durchläufe schlagen einen langsamen Versuch fast immer. Rechne pro fertiger Sekunde mit mehreren generierten Sekunden Ausschuss – bei aufwendigen Szenen mit Bewegung und Interaktion kann das Verhältnis deutlich höher liegen. Wer das einplant, plant realistisch und gerät nicht in Zeitdruck, wenn ein Shot beim fünften Versuch sitzt.
Schnitt, Rhythmus und Ton
Der Schnitt ist der unsichtbare Co-Regisseur. Er entscheidet, ob deine Shots eine Geschichte ergeben oder eine Diashow bleiben.
Beginne mit Beat-Mapping: Markiere die Schwerpunkte der Musik und lege die wichtigsten Schnitte darauf. Danach variiere die Schnittlängen bewusst – kurze Einstellungen für Energie, lange für Bedeutung. Gleichmäßige Schnittlängen wirken mechanisch, selbst wenn jede Einstellung für sich gut ist.
Arbeite mit weichen Übergängen, wo Bewegung verbindet: Wenn der Push-in des ersten Shots in die Bewegung des zweiten übergeht, verschwindet der Schnitt fast vollständig. Ton kann dabei früher einsetzen als das Bild (J-Cut) oder nachklingen (L-Cut). Besonders wirksam ist der J-Cut vor dem Payoff: Der Ton der Auflösung beginnt, während noch das Problem zu sehen ist.
Sounddesign trägt mehr, als die meisten erwarten: ein leises Anschwellen vor dem Payoff, ein einzelner Klick beim Schnitt, Ambient-Raum für Tiefe. Untertitel gehören in die mittlere Zone, groß genug für mobile Ansicht, aber nie über dem Hauptmotiv. Prüfe am Ende den Loop: Wenn der letzte Frame in den ersten überleitet, steigen Wiedergabezahlen ohne inhaltliche Änderung.
Ein letzter Ton-Tipp: Nimm dir für jeden Beat eine gewünschte Klangwirkung vor. „Reibung“ braucht vielleicht ein trockenes Knacken, „Wendung“ ein kurzes Anschwellen. Wer den Ton parallel zur Shot-Liste plant, muss später nicht raten.
Typische Fehler und wie du sie vermeidest
Zu viele Ideen in einem Video. Ein Reel trägt eine Botschaft. Alles andere gehört in ein zweites Video, auch wenn es schwerfällt.
Schwacher Hook. Wenn in den ersten zwei Sekunden kein visueller oder inhaltlicher Reiz sitzt, hilft der Rest nicht mehr. Zeige früh das Ergebnis und erkläre später.
Modell-Hopping mitten im Projekt. Ein Wechsel verändert den Look. Wechsle das Werkzeug nur zwischen Projekten oder mit bewusst angepasster Look-Bible.
Bewegung ohne Motiv. Kamerafahrt, aber niemand reagiert darauf. Bewegung braucht ein Ziel im Bild.
Text über dem Hauptmotiv. Untertitel und Overlays gehören in freie Flächen, sonst verlieren beide.
Kein Ton-Plan. Nachträglich Musik drauflegen ist kein Sounddesign. Plane die Tonhöhepunkte parallel zur Shot-Liste.
Falscher Export. Prüfe Auflösung, Seitenverhältnis und Bitrate vor dem Hochladen. Ein gutes Video mit falschem Seitenverhältnis wirkt sofort unprofessionell.
Unklare Dateinamen. Wer Versionen nicht sauber benennt, schneidet irgendwann den falschen Take. Ein Namensschema ist keine Bürokratie, sondern Regie.
Zu viele Varianten ohne Kriterium. Wer zwanzig Takes ansieht, hat am Ende keinen besseren, sondern nur einen späteren Schnitt. Bewerte nach Funktion, nicht nach Reihenfolge.
Praxisbeispiel: ein 30-Sekunden-Reel von der Idee zum Export
Angenommen, du dokumentierst die Restaurierung eines Holzstuhls. Logline: „Ein ausgeblichener Stuhl wird in fünf Schritten restauriert und findet zurück in den Alltag.“ Leitfrage: Ruhe und Wertschätzung.
- Beat 1 – Aufhänger (0–3 s): Makroaufnahme des Risses im Lack, statisch, hartes Seitenlicht. Funktion: Aufmerksamkeit.
- Beat 2 – Kontext (3–9 s): Hände legen Werkzeug bereit, Halbtotale, Handheld. Funktion: Herkunft und Absicht zeigen.
- Beat 3 – Reibung (9–15 s): Eine Schraube sitzt fest, die Hand rutscht ab, kurzer Push-in. Funktion: Spannung.
- Beat 4 – Wendung (15–24 s): Lack löst sich, Holzmaserung erscheint, Orbit um die Sitzfläche, Licht wechselt zu warm. Funktion: Auflösung.
- Beat 5 – Ausklang (24–30 s): Totalaufnahme des Raums, statisch, Stuhl im Vordergrund, Text-Overlay in der oberen Zone. Funktion: Markenmoment.
Aus fünf Beats wurden sechs Shots, jeder mit klarer Kadergröße, Bewegung und Lichtvorgabe. Der Schnitt folgt den musikalischen Schwerpunkten, der Ton setzt vor dem Wendepunkt kurz aus, damit der Payoff atmet. Jeder Shot wurde in drei Varianten generiert, ausgewählt nach Funktion statt nach Schönheit. Beim Export fiel auf, dass der dritte Shot im Loop nicht funktionierte – also wurde der Ausklang neu geschnitten, damit der letzte Frame optisch zum ersten führt.
Checkliste vor dem Rendern
- Trägt jeder Shot eine Information?
- Ist die Figur über alle Einstellungen erkennbar dieselbe?
- Eine Kamerabewegung pro Shot?
- Liegen Untertitel außerhalb des Hauptmotivs?
- Funktioniert das Video ohne Ton?
- Ist der erste Frame stark genug als Standbild?
- Loopfähigkeit geprüft?
- Stimmen Auflösung, Seitenverhältnis und Bitrate?
FAQ: häufige Fragen zum KI-gestützten Reel-Workflow
Wie viele Shots braucht ein Reel? Für 20 bis 30 Sekunden reichen fünf bis acht Shots. Mehr Shots bedeuten kürzere Einstellungen und weniger Raum für Wirkung. Bei 45 Sekunden sind acht bis zwölf Einstellungen realistisch, bei längeren Erklärvideos arbeitest du besser mit Szenen statt mit einzelnen Shots.
Muss ich ein Drehbuch schreiben? Kein Format-Drehbuch, aber ein Beat-Sheet und eine Shot-Liste. Beides zusammen dauert selten länger als 15 Minuten und spart deutlich mehr Zeit in der Generierung. Wenn du eine Agentur oder ein Team einbindest, ist die Shot-Liste außerdem die beste Abstimmungsgrundlage.
Warum sehen meine Ergebnisse trotzdem zufällig aus? Meist fehlt der feste Prompt-Baustein mit Figur, Licht und Look. Ohne Konstante wird jeder Shot neu interpretiert. Prüfe außerdem, ob du die Beschreibungsreihenfolge eingehalten hast und ob dieselbe Referenz verwendet wurde.
Lohnt sich ein Hybrid aus Bild- und Videomodell? Ja, sobald eine Figur mehr als zwei Mal vorkommt oder eine exakte Komposition nötig ist. Der zusätzliche Schritt zahlt sich in stabileren Ergebnissen aus und macht Korrekturen wesentlich günstiger.
Wie teste ich ein neues Modell sinnvoll? Mit drei identischen Prompts und einer Bewertung nach Bewegung, Detail, Konsistenz, Stil und Länge. Danach entscheidest du shotweise, nie pauschal. Ein Modell, das für Produktaufnahmen glänzt, muss für Szenen mit Menschen nicht die erste Wahl sein.
Was ist der wichtigste Hebel? Die Vorarbeit. Ein durchdachtes Beat-Sheet verbessert das Ergebnis stärker als jedes zusätzliche Werkzeug. Wer Struktur hat, kann auch mit einem einfacheren Modell ein überzeugendes Reel bauen.
Wie gehe ich mit unbrauchbaren Takes um? Erst eine Variable ändern, dann neu generieren. Wenn drei Iterationen scheitern, ist meist der Shot zu komplex – teile ihn in zwei einfachere Einstellungen auf oder reduziere die Bewegung im Bild.
Wann sollte ich aufhören zu iterieren? Wenn der Shot seine Funktion erfüllt. Perfektion in einzelnen Bildern ist selten der Faktor, der ein Kurzvideo trägt – Klarheit ist es.
Wie wichtig ist Ton wirklich? Sehr. Ein einfacher Schnitt mit gutem Sounddesign wirkt hochwertiger als ein spektakulärer Clip mit liebloser Tonspur. Plane mindestens drei Tonereignisse pro Reel: Einstieg, Wendepunkt, Ausklang.
Kann ich denselben Workflow für längere Videos nutzen? Ja. Verlängere einfach das Beat-Sheet und gruppiere Beats zu Szenen. Die Logik bleibt identisch, nur die Anzahl der Shots wächst – wichtig ist, dass jede Szene eine eigene kleine Frage und Antwort bekommt.
Wie verhindere ich, dass alle Videos gleich aussehen? Variiere Struktur, Lichtstimmung und Schnitttempo, aber behalte die Look-Konstanten bei. Wiedererkennbarkeit entsteht durch Farbe, Licht und Ton – Abwechslung durch Dramaturgie und Kadergröße.
Brauche ich teure Software für den Schnitt? Nein. Für vertikale Kurzformate reicht ein einfaches Schnittprogramm mit Beat-Markern, Lautstärkehüllkurven und Untertitelwerkzeug. Die entscheidenden Unterschiede entstehen in der Vorbereitung, nicht im Programm.



